09.09.2010, 04:49 http://www.ev-kirche-betzweiler-waelde.de/cms/startseite/predigten/Predigt vom Sonntag (Estomihi), den 22.02.2009, von Pfarrer Thomas Föll
Predigttext aus Lk 8, 4-8
Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Predigt
Liebe Gemeinde!
Nun hat uns Jesus das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld erzählt. Und unsere erste Reaktion könnte eine resignative Frage sein, nämlich die: Was kommt bei alledem, um was wir uns mühen, was kommt bei dem, was wir machen, letztlich heraus? Was bringt’s? Lohnt es sich?
Ich fange einmal bei mir an. Jetzt bin ich seit 14, 15 Jahren Pfarrer, und habe, seit ich hier bin in der Gemeinde, mit Unterbrechungen Sonntag für Sonntag gepredigt, Konfirmanden unterrichtet, Woche für Woche in 3 Schulklassen Religionsunterricht erteilt, Bibelstunden, Gruppen und Kreise gehalten, Besuche gemacht, Gespräche geführt und diskutiert mit Jugendlichen und Erwachsenen, mit Taufeltern, Hochzeitspaaren, mit Hinterbliebenen unserer Verstorbenen, … Gespräche über den Glauben und über das Leben … Und ich mache gerne weiter damit. Aber - was kam dabei heraus? Was ist dabei herausgekommen?
I.
Und diese Fragen sind ja nicht nur meine speziellen, ganz persönlichen Fragen. Jeder, der sich in der Gemeinde engagiert oder ein Amt übernimmt, aber auch viele, die in der Familie, in der Bürgerschaft, im Verein, im Beruf oder in einer Partnerschaft Verantwortung übernehmen, kennt diese Frage: In welchem Verhältnis steht der Einsatz, die Mühe, die man aufwendet, zum Erfolg? Um es in den Worten unseres Predigttextes zu sagen: In welchem Verhältnis steht der ausgesäte Same zur Frucht, die man am Ende gerne sehen würde oder gar selbst ernten würde? Rentiert sich der Einsatz? Lohnt es sich? Gibt es überhaupt etwas zu „ernten“? Schauen wir auf den Propheten Jeremia in der Bibel. In der Schriftlesung (Jeremia 25) habe Ihnen von ihm vorgelesen. 23 Jahre lang hat er seinem Volk gepredigt, den Menschen, die er gekannt hat, und nie haben sie es hören wollen. Und die Stadt Jerusalem und das Land Israel gingen sprichwörtlich „den Bach runter“. Ehrliche Frage: wer von uns hätte 23 Jahre durchgehalten? Wer hätte ein Jahr durchgehalten? Wenn man sich den Mund fusslig redet und nicht einen Stich damit macht, nicht einen Erfolg sieht? Auch die Bibel kennt große und lange Durststrecken …
Und wenn wir mit dem Gleichnis Jesu im Kopf unsere Volkskirche betrachten … Gleicht sie nicht auch dem hier beschriebenen Acker? Die Kirche ist wild entschlossen, sie weiß nur nicht, wozu? … Und gleicht die Arbeit, die in ihr getan wird, nicht dem, was der Sämann im Gleichnis erlebt?
Vieles ist vergebliche Mühe. Da kommen Vögel und picken den Samen auf, noch bevor er Wurzeln geschlagen hat, oder der Same wird zertreten.
Da scheint ein Same einmal auf einen besonders guten Boden gefallen zu sein, schnell treibt er in die Höhe, aber der Untergrund erweist sich als steinig und die Erdschicht ist nur dünn. So ist der schnell aufgeschossene Sprössling schnell wieder verwelkt in der ersten Hitze. So wie es in der Kirche manche Aufbrüche gab und gibt, denen wie einem Strohfeuer nach kurzer Glut die Kraft und die Substanz ausgeht. Schlimm sind hier auch die inneren Bilder von übermüdeten, ja ausgebrannten Mitarbeitern, Haupt- und Ehrenamtlichen. Burnout und Depression gelten mittlerweile als Hauptursache für Berufsunfähigkeit, auch in der Kirche.
Und andere Samen kommen erst gar nicht zum Wachsen, denn um den Schößling herum wachsen Dornen und ersticken ihn.
II.
Das war der erste Blick auf unser Gleichnis. Kommt bei dem, was wir tun, etwas heraus? Im Blick auf uns selbst kann die Antwort resignierend ausfallen. Im Vergleich zum Aufwand … kommt wenig heraus.
Doch hat Jesus dazu sein Gleichnis erzählt? Nur um aufzuzeigen, wie viel Arbeit vergebliche Mühe ist?
Das Gegenteil ist richtig. Jesus nimmt uns nicht den Mut, er macht uns Mut. Nicht von dem, was wir tun, ist umsonst. Soviel Misserfolg wir vielleicht auch sehen, es ist nicht umsonst. So sehr man auch einmal resignieren möchte, es muss nicht sein.
Jesus sagt vom Sämann nichts anderes, als dass er seinen guten Samen auf das Land ausstreut. Das ist seine Aufgabe. Ein anderer schenkt das Wachsen und Gedeihen. So funktioniert auch Gemeindeaufbau.
Jesus sagt: ohne dass wir das immer sehen –fällt immer etwas auf gutes Land.
Und was auf das gute Land fällt, das bringt seinen Ertrag. Das bringt seine Frucht. Und jetzt kommt’s - eine Frucht, über die wir nur staunen können, weil sie größer ist, als jeder es erwartet. 100fältig, sagt Jesus, bringt das gute Land seine Frucht.
Ich bin kein Geologe, aber ich weiß, dass das Land in Israel bei weitem nicht so fruchtbar ist wie bei uns. Und auch mein kanadischer Onkel, der in Kanada eine Landwirtschaft hat, sagte mir einmal, dass der deutsche Boden dreimal so gut sei wie die Prärie in Kanada. Doch auch das alles ist immer noch weit entfernt von der Frucht, die auf guten Boden fällt, wenn der Sämann im Gleichnis seinen Samen ausstreut.
Mit keinem Wort hören wir hier von einem Bauern, der seinen Beutel weglegt, sich hinsetzt oder gar aufgibt. Wir hören von einem Sämann, der gelassen seinen Samen ausstreut, sich vom Misserfolg nicht beunruhigen lässt und zuversichtlich das Aufgehen der Frucht erwartet. Er hat sein Werk getan, den Samen auf das Land zu legen.
III.
Warum also ist die Arbeit nicht umsonst? Deswegen, weil hinter unserem Mühen ein anderer steht. Und in seinen Händen liegt das Wachsen und Gedeihen. Nicht wir sind es, die andere Menschen zum Glauben bringen. Das hieße, Gottes Geist zu vergessen, ja zu leugnen. Nicht wir machen das Leben in einer Gemeinde. Nicht wir bewirken Gemeindewachstum. Gegen allen Aktionismus und alle Projektsucht in der Landeskirche – nicht wir sind es! In dieser Woche mussten wir im Pfarramt wieder die Jahresstatistik erstellen (mit Zahlen über die Gruppen, Kreise, Abendmahlsfeiern, Gottesdienste usw.) …
Unsere Statistiken zeigen sehr wohl, welch kreative und engagierte Arbeit in den vielen Gruppen und Kreisen unserer Gemeinde getan wird, aber sie sagen noch nichts aus über die innere Kraft einer Gruppe und eines Kreises.
Pfarrer Breymayer aus Dornhan sagte einmal: "Nach der Kosten-Nutzen-Rechnung aus der Wirtschaft sollte ich meine Winterbibelstunde in Busenweiler mit den 3 oder 4 Teilnehmern schon längst aufgeben." Aber wissen wir nicht, dass manches, was äußerlich wie ein eher kleines Pflänzlein aussieht und kaum Beachtung findet, in Wahrheit doch von besonderer Lebenskraft sein kann? Wer von uns kann das beurteilen?
Denken wir nur an die ersten Frühlingsblumen. Sie wachsen schon jetzt so langsam, unter der Schneedecke, und dann, in wenigen Wochen .... erfüllen sie unsere Gärten und Wiesen mit ihrer Pracht.
Wer von uns will beurteilen, ob das Herz eines Jugendlichen tatsächlich nur aus Stein war, nur weil er sich äußerlich so dargestellt hat? Unsere Maßstäbe sind sehr vorläufig, und wir tun gut daran, auch unsere vorgefassten Meinungen über die „anderen“ immer wieder zu hinterfragen. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist“, heißt es darum im Buch der Sprüche, „Gott aber sieht das Herz an.“ Ich will Ihnen sagen: Gottseidank ist es Gott, der mein Herz ansieht, und kein anderer. Gottseidank ist er der Richter und nicht ich. Gottseidank ist er der Schöpfer und nicht ich.
Jesus erzählt sein Gleichnis also nicht, um uns einen Maßstab zu geben, mit dem wir einzelne Menschen beurteilen können, so wie man einen Boden beurteilt, oder mit dem wir irgendeine Arbeit, die in der Gemeinde geschieht, in fruchtbare oder in nutzlose Arbeit sortieren können.
Jesus will uns Mut machen, dass wir Gott etwas zutrauen. Noch viel mehr als bisher. Er gibt das Wachsen und Gedeihen. Und er kann dort Frucht wachsen lassen, wo wir es nicht für möglich halten. (Ehemaliger Jungscharler … in Gomaringen – Gespräch vor langen Jahren, er war offen und hat über seine Kontakte zur okkulten Szene geredet. Nun sehe und lese ich neulich, dass er ehrenamtlich in der Kirchengemeinde mitarbeitet.) Und weil Gott das Gedeihen gibt, werden wir nicht müde, den Samen auszustreuen, auch wenn wir nicht wissen, was einmal dabei herauskommen wird.
IV.
Mut also will Jesus machen. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter. Er will uns sogar Mut machen zum Misserfolg. Ich glaube, dass Jesus auch deswegen die vergebliche Mühe nicht verschweigt, das Arbeiten für die Katz’ oder, nach dem Gleichnis besser gesagt: für die Vögel. Er verschweigt nicht, was Sache ist, nämlich dass etliches, was gesund und kräftig aussieht, bereits das Welken in sich trägt. Und dass wiederum anderes nicht robust genug ist, um den Dornen gewachsen zu sein.
Und so können wir auch fragen: Ist in dem Sämann nicht auch Jesus selbst zu sehen? Ist sein Lebensweg nicht auch von manchem äußeren Misserfolg gezeichnet? In seiner Heimatstadt Nazareth kam er nicht an, denn – wie es heißt – der Prophet gilt ja nichts im eigenen Lande. Die Angesehenen im Lande lehnen ihn ab. Von 10 Aussätzigen, die er heilt, dankt es ihm nur einer. Über der Stadt Jerusalem vergießt er Tränen, weil sie nicht sehen, was dem Frieden dient. Und die Stadt wird dann auch später zerstört. Und dann sehen wir ihn am Ende am Kreuz auf dem Hügel Golgata, vor den Toren der Stadt, inmitten von zwei Verbrechern. Einer seiner Jünger hatte ihn verraten, die anderen waren aus Angst geflohen.
Nach den Gesetzen des wirtschaftlichen Handelns, nach dem Augenschein, der fragt: ‚was bringt’s?’, muss man dieses Leben als einen Misserfolg verbuchen. (So, wie man nach diesen Gesetzen oder nach dem ersten Eindruck manches Leben heutzutage als Misserfolg beurteilt und verurteilt.)
Aber dennoch ist gerade auf diesem Leben eine Frucht gewachsen, größer und lebendiger und mächtiger und kräftiger als alle Armeen, die je marschierten, alle Flotten, die je segelten, alle Parlamente, die sich je versammelten und alle Könige, die je regierten.
Gottes Maßstäbe sind eben andere als unsere. Gottseidank. Was uns fruchtlos scheint, kann gerade der Boden sein, auf dem Gott etwas wachsen lassen will. Was wir für einen untauglichen Samen halten, kann gerade jetzt das saatgut sein, mit dem Gott arbeiten will. Wo wir mit unserem Tun und unserem Latein am Ende sind, kann gerade der Punkt sein, an dem Gott sein Werk beginnt (er beginnt gern am Nullpunkt, wo kein Widerstand mehr da ist).
Und das, was dann da wächst, kann ganz anders aussehen, als wir es gerne wachsen sehen würden. Das sind die Geheimnisse des Wachstums, die wir einfach Gott überlassen sollten, so sehr wir im Gebet um Wachstum bitten sollen.
Was Jesus uns hier in seinem Gleichnis erzählt, atmet die ruhige Gewissheit dessen, der weiß: ‚Gottes Reich ist nicht aufzuhalten’. Am Ende steht 100fältige Frucht. Jesus macht uns Mut, Gott noch mehr zuzutrauen und darum fröhlich ans Werk zu gehen. Gott selbst bereitet den Acker, sein ist die Saat, er gibt das Gedeihen.
V.
Das schließt unsere Bitte nicht aus, die wir nun gleich singen werden: „Mache mich zum guten Lande, wenn dein Samenkorn auf mich fällt; gib mir Licht in dem Verstande, und was mir wird vorgestellt, präge du im Herzen ein, lass es mir zur Frucht gedeihn.“ Wir dürfen Gott auch um sichtbare Zeichen bitten. Ja, wir brauchen sie immer wieder einmal, um nicht zu resignieren. Aber wir sollen nicht vergessen, dass Gott alles aus seiner Perspektive noch einmal ganz anders sieht, und dass wir ihm nicht das Tempo des Wachstums vorschreiben können. Zum guten Boden gehört Tiefe, Tiefe auch an Geduld und Ausdauer, Tiefe an Gelassenheit und Besonnenheit. Der Heilige Geist putscht nicht auf und zündelt nicht an Strohfeuern, sondern schenkt den langen Atem.
Alles darum, was wir hier auf Erden tun, ist – so wichtig es uns ist – etwas Vorläufiges und nicht etwas Letztes. In Jesu Nachfolge gehen wir fröhlich an die Arbeit und säen den Samen aus und geben die beste Botschaft der Welt, die er uns aufgetragen hat, weiter. Aber wir brauchen nicht in der Angst zu leben, als hinge alles von mir allein ab. Wenn Wachsen und Gedeihen in Gottes Hand liegt, dann kann auch ich mir einmal meine Ohnmacht und mein Versagen eingestehen, ohne zu resignieren. Dann kann ich auch Aufgaben aus der Hand geben, anderen überlassen, weil zum Glauben auch Freiheit gehört. Und wir dürfen gewiss sein, dass er selbst seine Gemeinde baut, sein Werk tut und auch einmal vollenden wird.